Haut aus Stein: Die Domsingschule Stuttgart

In einer für Stuttgart typischen Hanglage, auf einem bislang als Parkplatz genutzten Grundstück wurde die neue Domsingschule der katholischen Gesamtkirchengemeinde errichtet. Bezeichnend für dieses Gebäude ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Baustoff Ziegel, dessen Verwendung als architektonisches Gestaltungsmittel wie als funktionale Schutzhülle hier eine besondere Doppelsinnigkeit besitzt.

Bauherr Katholische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart
Architekt/Planer Dipl.-Ing. m. arch. Karl Amann, Dipl.-Ing. Henning Volpp,
no w here architekten, Stuttgart,
Seibold Bloss Architekten Stadtplaner, Waiblingen
Verarbeiter Furche Zimmermann, Köngen (Tragwerksplanung);
piv Planungsingenieure, Schorndorf (HLS-Planer);
Büro für Bauphysik Prof.-Dr. Hanno Ertel, Stuttgart (Akustik und Bauphysik); u.a.
Art der Baumaßnahme Neubau
Produkt/Farbe Objektsortierung Tallinn, tabac-beige
Lage Landhausstraße 29, 70190 Stuttgart

Nutzungsvarianten

Die verschiedenen Schulräume gruppieren sich um einen kleinen Hof im hinteren Bereich des Grundstücks. Eine seitliche Erschließungs- und Nebenraumspange sowie ein zweigeschossiges Foyer verbinden Vorder- und Hinterhaus. Die sich um den zentralen Hof gruppierenden Bereiche kleiner Chorsaal, Foyer und Betreuungsräume können diesem Hof zugeschaltet werden und ermöglichen so verschiedene Nutzungsszenarien.

Das große Gewicht, das der Bauherr auf die gesamte Gestaltung legt, kommt auch in den Chorsälen zum Ausdruck. Sowohl im kleineren, ca. 80 m² großen Saal, der als eine Art klassisches Rückgebäude den kleinen Hof auf der Nordseite begrenzt, als auch im 180 m² großen Chorsaal, Herzstück des ganzen Hauses. In beiden Räumen wiederholt sich das Haut-Thema der Fassade – jedoch in Variationen mit Bambuspaneelen und Schallabsorberflächen ganz unterschiedlich interpretiert.

Aus hart wird weich

Gezielte Einschnitte, Brechungen und Ausformungen strukturieren die Ziegelhaut und ermöglichen so verschiedene Belichtungs- und Eingangssituationen. Dadurch werden auch die beiden Kernelemente des Gebäudes – der große und der kleine Chorsaal – von außen ablesbar. Durch die plastische Behandlung der Fassade löst sich der harte Charakter der Ziegelschale teilweise auf – und macht konventionelle, aus der Fassade herausgeschnittene Lochfenster verzichtbar. Offene und geschlossene Partien der Ziegelhaut unterstreichen die unterschiedlichen Nutzungsbereiche. Im Bereich der Chorsäle schließt sich die Haut nahezu, im Bereich des Laubengangs der beiden Wohnungsgeschosse löst sie sich in eine gitterartige Struktur auf.

Schützende Ziegelhaut

Mit der Fertigstellung der Domsingschule nach über fünfjähriger Planungs- und Bauzeit erhält die katholische Gesamtkirchengemeinde in Stuttgart einen zentralen Ort, an dem Chöre aus der Kirchenmusik proben und Gesangsschüler in ihrer Freizeit betreut werden können. Entsprechend ist der Großteil des Raumprogramms dieser Hauptnutzung gewidmet: das Gebäude beinhaltet zwei Chorsäle sowie Räume für die Stimmbildung, für die Betreuung der Jugendlichen und für die Verwaltung. Ergänzende Anforderung war die Unterbringung einer Tiefgarage sowie von vier Wohnungen auf dem Grundstück.

Das Baugrundstück liegt inmitten einer für Stuttgart typischen Hanglage mit zum Teil noch intakter Gründerzeitbebauung. Die Häuserzeile, in die der Neubau einzufügen war, setzt sich dagegen aus Nachkriegsbauten mit sehr unterschiedlichen Höhen zusammen. Die Schule versucht zwischen ihnen zu vermitteln, gleichzeitig greift sie das vorgefundene Arkadenthema auf. Und ein dominantes Material. Die gegenüberliegende, gründerzeitliche Häuserzeile ist gekennzeichnet durch den Gegensatz zwischen prächtigen, zur Straße hin orientierten Schaufassaden aus Ziegel- und Natursteinmauerwerk und mit einfachen Ziegeln verkleideten Rück- und Seitenfassaden. Die Domsingschule vermeidet jegliche Unterscheidung zwischen hinten und vorne: Als raumbildendes und gestaltprägendes Element windet und faltet sich die Ziegelfassade bis in die Tiefe des Grundstücks hinein und umschließt damit sämtliche Nutzungsbereiche mit einer schützenden Haut.

Unaufdringlich lebendige Fassade

 

Als Material für die Gebäudehülle wählten die Architekten des jungen Stuttgarter Büros no w here architekten einen Wasserstrichziegel aus dem Wienerberger Werk Kirchkimmen. Mit seiner Farbe, die je nach Tageszeit und Lichteinfall zwischen sanftem Beige-Grau, warmem Gelb und hellem Rot-Orange changiert, passt sich der Tallinn hervorragend der gründerzeitlichen Nachbarbebauung an. Lebendig wirkt die Fassade dadurch, dass etwa 10 Prozent der Ziegel mit der Rückseite nach außen vermauert wurden. So belebt die unregelmäßige Struktur und Farbe der so genannten Fußseite, auf der die Ziegel während des Produktionsprozesses standen, die Oberfläche des Baukörpers ohne aufdringlich zu scheinen.

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