Neuverblendung rettet schiefes Ziegelhaus

Instandsetzung und Umnutzung alter Bausubstanz setzt eine sensible wie kreative Auseinandersetzung mit räumlichen und materialbedingten Gegebenheiten voraus. Ein Beispiel dafür findet man auf dem mit Ziegeln errichteten Bauernhof der Familie Sehrbrock in Gelsenkirchen, die einen siebzig Jahre alten Schweinestall zu einem Wohnhaus umbaute.

Bautafel
Bauherr Familie Sehrbrock
Art der Baumaßnahme Sanierung/Umbau
Produkt/Farbe Handformziegel Kastanie, braunrot
Format WDF

 

Initiator der Baumaßnahme war Johannes Sehrbrock, der seiner Familie die Vorzüge des Lebens auf dem – eigenen – Land bieten wollte und dem elterlichen Anwesen sehr verbunden war. Hinzu kam, dass in dem baubehördlich als Außenbereich ausgewiesenen Gebiet nicht neu gebaut werden durfte. Mit dem Aus- und Umbau des ehemaligen Schweinestalls konnte Johannes Sehrbrock zum Erhalt und zur Aufwertung des gesamten Hofes beitragen, der seit 1991 keinen landwirtschaftlichen Betrieb mehr aufwies.

Schuld war der Bergbau

Die Ausgangssituation stellte sich zunächst einfach dar: Der ca. 21,00 m x 7,50 m große zweigeschossige Baukörper des ehemaligen Schweinestalls sollte im überwiegenden Teil die Wohnräume für die dreiköpfige Familie aufnehmen und auf der Giebelseite, die an das alte Haupthaus angrenzte, zwei Garagen schaffen. Die Ausrichtung des Gebäudes war glücklicherweise so, dass die Erschließung von Norden, von der Hofseite, erfolgen und die Zimmer sich nach Süden zum Garten hin orientieren konnten. Allerdings drängte sich bei näherem Betrachten der Fassaden, die als 24er Mauerwerk im Blockverband solide Ziegelwände darstellten, der Eindruck auf, sie seien regelrecht windschief. Da Wind und Wetter einer Ziegelfassade nicht schaden können, musste es – hier tatsächlich im eigentlichen Sinne – tieferliegende Gründe geben. Als der Bauernhof nebst Schweinestall und anderer Nebengebäude Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, hatte zwar längst der Bergbau begonnen in die bis dahin ländlichen Strukturen einzugreifen, aber erst in den 50er Jahren verursachte er durch den massiven Abbau unter Tage Setzungsrisse und Gebäudesenkungen. Da keine statischen Bedenken bestanden und das Mauerwerk als solches in Ordnung war, beließ man die Gebäude auch nach dem allmählichen Auslaufen der Zechentätigkeit wie sie waren.

Die Lösung: Eine selbsttragende Vormauerschale aus Ziegeln

 

Da alle Gebäude des Bauernhofes aus Sichtmauerwerk bestanden, lag es schon aus optischen Gründen nahe, Verblendziegel zu verwenden. Die ungewöhnliche Problemstellung erforderte eine sich selbst tragende neue Fassade. „An einer Seite gab es zwischen Fundament und Wand einen Abstand von über 50 cm, oben an der Traufe passten die beiden Ziegelschalen exakt voreinander – so schief war die Wand“, erinnert sich Bauherrin Silke Sehrbrock. Das lotrechte Ausrichten der neuen Vormauerschale aus Terca-Verblendern im Waaldickformat (WDF: 210x100x65 mm) setzte aufgrund der unterschiedlichen Abstände eine genaue Planung und eine exakte Ausführung voraus. Drahtanker aus Edelstahl in Überlänge sicherten die Verbindung zur bestehenden Ziegelfassade, die vorher mit einer Wärmedämmung versehen worden war.

Engagiert für die Erhaltung des gesamten Hofes

Die neue Hausherrin hat die Bauabwicklung sorgfältig betreut und selbst beim Bauen mit Hand angelegt. „Beim Aufmauern der Verblender stand ich an der Mischtrommel und habe exakt nach Vorgabe Sand, Zement und Wasser gemischt“, berichtet die couragierte Hausfrau. „Vorher haben wir die Ziegel – wie’s überall drauf stand – aus mehreren Paletten gemischt und dem Maurer an den angewiesenen Stellen aufgebaut.“ Die Verblender wurden dann Nass in Nass mit einer hellen Fugenfarbe verfugt. Das Farbspiel der braunrot bunten Handformziegel „Kastanie“ aus dem Terca-Sortiment von Wienerberger ist ausgewogen und kommt in dem unregelmäßigen „wilden“ Verband gut zur Geltung. Die Idee, einen Verblender in freundlich warmen und abwechslungsreichen Farbtönen zu wählen, hat sich bewährt. Harmonisch fügt sich die Ziegelfassade in die Umgebung ein. Doch sie ist nicht nur schön – die hohe Festigkeit der gebrannten Steine macht sie unempfindlich gegen Schmutz, Witterungseinflüsse und mechanische Beschädigungen. Sie ist damit praktisch wartungsfrei.

Vom großen Wohnzimmer schweift der Blick nach drei Seiten, in den liebevoll angelegten Garten, zu Pferden, Wiesen und Bäumen. An der östliche Giebelseite erinnert ein aus alten Ziegeln zusammengesetztes Kreuz, dessen Vorlage sich in der dahinter liegenden Wand befindet, an die Verbindung zwischen Alt und Neu. Genau diese Kombination macht den besonderen Reiz aus – ihr saniertes Ziegelhaus würden Silke und Johannes Sehrbrock heute nicht mehr gegen einen Neubau tauschen wollen.

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